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13. September 2017 3 13 /09 /September /2017 20:23

Vorgeschichte: Bereits im Sommer 2016 waren Kerstin und Theo während ihres Oetztalaufenthaltes zur Similaunhütte in etwas über 3000 m Meereshöhe gelangt, für Theo war es das erste Mal über dieser Höhen-Grenze. In der Gaststube kam es zu einem Gespräch mit den Tischnachbarn, wobei sich herausstellte, dass diese gerade von der Similaun-Spitze zurückgekehrt waren. Insbesondere Theo unterhält sich rege mit dem Bergführer, immer vor dem Hintergrund, dass so etwas für ihn nix sein könne. "Wer sollte denn in der Lage sein, mich erforderlichenfalls aus der Gletscherspalte herauszuziehen?", fragt er selbstironisch. Kerstin hält sich zurück, gesteht aber später ein, dass ihr dieses Unternehmen schon Freude bereiten würde: "Irgendwann werde ich da oben auf dem Gipfel stehen!", verkündet sie selbstbewusst. Doch leider hatte sie es versäumt, sich die Kontaktdaten des netten Bergführers geben zu lassen.

Doch der Gedanke ist in der Welt und entwickelt sich zu einem Projekt für die honeyballs. Leider lassen sich nicht alle Urlaubspläne koordinieren, so dass sich das Team für den Angriff auf den Gipfel auf Kerstin Heinrich und Theo beschränken muss.

Höhentraining:

Mittwoch, 6. Sept.2017: Vernagthütte und Hochjochhospiz

Taktisch klug wählen wir (die oben Genannten) unsere Unterkunft in Vent in 1900 m Meereshöhe.

Blick auf den Ort Vent (im Tal), rechts (vermutlich ?) die Talleitspitze, 3406 m, links der Mitte der Diemkogel (???), links evtl. der Ramolkogel (???), im Hintergrund rechts der Mitte die Similaunspitze (???)

Bereits am Tag nach der Anreise, starten wir zu unserer ersten Bergwandertour. Sie soll uns zur Vernagthütte in 2755 m führen. Der Weg (in der Karte rot markiert) ist anfangs recht einfach entlang der Rofenache, die wir über eine Hängebrücke queren. Nach wenigen Km verlassen wir deren Tal und gelangen über etwas steilere Pfade zum Vernagteck, wo wir die grandiose Aussicht in südwestlicher Richtung zur Finailspitze, zur Grawand und zur "Bella Vista" genießen.

Vermutlich die Grawand oder die "Bella Vista". Von Vent aus in etwa 6 Stunden zu erreichen. Besser wäre es von der Hochjoch-Hospizhütte, vielleicht im nächsten Jahr?                                                       

Hingegen sind die Oetztaler Gipfel in nördlicher Richtung weitgehend in Wolken gehüllt. In diese Richtung begeben wir uns auf bequemen Weg und queren den Vernagtbach. Jetzt folgt der steilere Anstieg zur Vernagthütte, wo wir uns verpflegen.

An der Vernagthütte, im Hintergrund (vermutlich??) die Hintergralsspitze, 3325 m

Wir sind gut gelaunt und fühlen uns stark genug, eine Variante einzubauen: Statt des direkten Rückweges auf gleicher Strecke wählen wir den Weg zur Hochjoch-Hospiz (lila). Unterhalb der Gustlarspitze gelangen wir ohne große Höhenunterschiede auf gut begehbarem Pfad dorthin.  Nur das letzte Stück führt steil bergab zur 2413 m hoch gelegenen Hütte.

Schöner Weg (oben) zur Hochjoch-Hospizhütte (unten)

Nach kurzer Rast dort steigen wir zur Rofenache ab (in der Karte orange markiert), überqueren an einer Brücke den Vernagtbach, der dort einmündet und laufen weiter oberhalb der Rofenache, die hier eine enge Schlucht bildet. Bald weitet sich das Tal und mit abnehmender Höhe beginnen die Weiden für die Pferde und Kühe. Aber bis nach Vent zieht sich der Weg dann sehr, so dass diese an sich nicht schwierige und schöne Tour durch ihre Länge am Schluss doch anstrengend geworden ist.

Die Auslage des Ortsladens preist "Murmelinsalbe" an. Kerstin und Heinrich decken sich mit größeren Mengen ein. Theo bleibt skeptisch: "Der Name gauckelt vor, dass man mit dieser Salbe genau so gelenkig sei wie die Murmeltiere, das ist doch Unfug!" mault er. Und: "Es ist der Kerl, der auf den Berg hinauf muss und nicht die Jacke oder die Sonnenbrille!" lautet seine Kritik an den Gefährten, die sehr großen Wert auf erstklassige Ausrüstung und Hilfsmittel legen. Mal sehen, wie weit er mit dieser puristischen Einstellung noch kommen wird.

Gesamtlänge des Weges 23,6 Km, Aufstiege 890 m, Abstiege 890 m

Donnerstag, 7. September 2017: Breslauer Hütte und Wildes Mannle

Schlesischer Tag heute. Es ist beschlossene Sache, dass wir zur Breslauer Hütte laufen werden, immerhin bereits in 2844 m Meereshöhe. Zuvor wollen wir zur Bergführerstelle in Vent unseren Bergführer für den übernächsten Tag buchen. Reine Formsache, glauben wir, denn bei unserer ersten Vorsprache erhielten wir die Auskunft, dass es ausreichend sei, das am Vortage zu erledigen. Die Chefin bedauert nach einer telefonischen Nachfrage, es sei am Samstag kein Bergführer verfügbar! Nur doof, das wir für den Freitag die Übernachtung in der Similaunhütte gebucht haben. Ein wenig Hoffnung bleibt uns: Am Abend sollen wir nochmal nachfragen.

Wir finden uns damit ab, dass unser Unternehmen vermutlich unvollendet bleiben wird und beginnen den Aufstieg über den bequemen Fahrweg (in der Karte rot markiert) zum Stableinrestaurant in 2365 m Meereshöhe. Es hätte dorthin auch einen Sessellift gegeben, aber das kommt natürlich nicht in Frage. Ohne uns dort aufzuhalten, gehen wir auf sehr steilen Pfaden bergan. Als es endlich flacher wird, verzweigt sich der Weg. Zur Breslauer Hütte in 1 Stunde oder in 2,5 Stunden. Wir sind irritiert, dass eine Gruppe vor uns die längere Variante bevorzugt, checken dann aber, dass der längere Weg über das "Wilde Mannle" führt, immerhin ein Gipfel mit 3023 m Höhe, der aber vor den mächtigen Gipfeln der Oetztaler Alpen recht putzig erscheint. Nein, wir bleiben bei unserer Absicht, Breslauer Hütte, die dann auch bald in Sicht kommt. Aber der finale Aufstieg dorthin ist doch beschwerlich, die dünne Luft in der großen Höhe macht sich bemerkbar. In der Hütte befindet sich eine historische Karte von Schlesien. Nur ein kleinerer Teil gehört heute noch zu Deutschland, der größte Teil zu Polen, wie auch die schlesische Metropole Breslau, die wir im Sommer besucht haben, und die wir nach 1945 als Deutsche verloren haben, aber mittlerweile als Europäer zurück gewonnen haben.

grandiose Sicht von der Breslauer Hütte (oben) nach Süden; Ramol, Hintere Schwärze??? ..., alles Berge deutlich über 3000m Meereshöhe!

Apropos Europa: Wir kommen mit zwei niederländischen Bergwanderer ins Gespräch. Ob man von der Breslauer Hütte auch das "Wilde Mannle" erreichen könne, fragen wir sie. Sie raten uns ab. Das sei weit, schwierig und die Tageszeit bereits fortgeschritten. In der Breslauer Hütte verfolgt Theo dennoch diese Idee weiter. "Wenn wir schon mangels Bergführer nicht auf die Similaunspitze kommen, dann doch wenigstens auf diesen (kleinen) 3000er!" Tatsächlich erscheint der Berg zum Greifen nahe. Der Hüttenwirt und weitere Bergwanderer werden befragt. Das Bild ist nicht ganz einheitlich, aber schließlich gewinnt die Zuversicht Oberhand. Los dann! Erst einfacher Weg (in der Karte rosa), der dann dooferweise mächtig bergab führt. Aha, wir müssen den Abfluss des Rofenkargletschers überqueren, danach geht es bergan. Endlich sehen wir, dass wir erst die Höhe der Breslauer Hütte wieder ereichen und dann fast vor dem Gipfel stehend höher sind als die Hütte. Links oder rechts lautet dann die Alternative. Links geht es erkennbar bergauf, und man kann den Weg zum Gipfel fast volständig sehen. "Nein, das ist die schwierige Variante!" meint Kerstin, sie habe das klar in der Hütte vernommen. Heinrich holt digitalen Rat ein und zusammen mit Kerstin überstimmt er Theo. Also wieder bergab, wieder auf die gleiche Höhe mit der Hütte. Dann verändert der Weg seine Richtung, es geht über Geröll und Felsblöcke mächtig bergan.

Die rot-weiß-roten Markierungen weisen den Weg durchs Geröllfeld:

Für den finalen Gipfelanstieg brauchen wir gar die Hände und die Hilfe eines Drahtseiles, welches im Fels verankert ist. Theo kommt konditionell deutlich an seine Grenzen, während Kerstin eher Probleme mit der Schwierigkeit der Wegführung hat. Nur Heinrich kommt scheinbar mühelos zurecht. Also ist es doch die bessere Ausrüstung, die den Kerl auf den Berg bringt? Schließlich sehen wir das Gipfelkreuz nur wenige Meter vor uns und stehen dann ganz oben. Heinrichs erster 3000er! Eine grandiose Rundumsicht auf die mächtigen Gipfel der Oetztaler Alpen: Ramol-, Kreuz-, Finailspitze sind zu sehen. Der Rofenkarferner glänzend weiß ganz nahe und darüber der höchste Berg Tirols, die Wildspitze mit 3768 m fast ganz frei. Das hat sich gelohnt!

Prächtige Sicht auf die 3000er im Süden (Bild oben) und den Rofenkargletscher mit Wildspitze in nordwestliche Richtung (Bild unten)

Jetzt aber hurtig zurück nach Vent (in der Karte gold markiert). Denn wir haben ja noch eine Verabredung in der Bergführerstelle.

Die Eilbotin:

Es ist doch spät geworden! Lange dauert es, bis wir wieder das Stableinrestaurant erreichen. Immerhin sehen wir erstmals Murmeltiere, die wir zuvor nur gehört hatten.

Es wird knapp, denn die Bergführerstelle schließt um 19 Uhr. Die Seilbahn hat ihren Betrieb bereits eingestellt. Kerstin beschleunigt ihren Schritt, Theo kann da nicht mithalten und auch Heinrich muss abreißen lassen. Schließlich joggt Kerstin auf dem Fahrweg nach unten und steht um 18:30 in der Bergführerstelle. Ob sie etwas erreichen kann?

Als Theo endlich gegen 19 Uhr zur Unterkunft schlurft, ist Kerstin bereits von der Bergführerstelle zurück. Ja, wir bekommen einen Bergführer am Samstag! Die Freude darüber vermischt sich mit der Skepsis, ob das nicht eine Nummer zu groß für uns sein könnte. Gerade heute wurden wir doch recht anschaulich an unserere Leistungsgrenzen geführt. Aber, wer A sagt muss auch B sagen. In diesem Falle heißt das, die Rucksäcke sorgsam packen, damit wir für den Aufstieg und die Übernachtung in der Similaunhütte alles parat haben. 

Von Vent über Breslauer Hütte zum "Wilden Mannle" : Länge des Weges 9,7 Km, Aufstiege 1180 m, Abstiege 80 m, vom "Wilden Mannle" zurück nach Vent: Länge des Weges 6,6 Km, Aufstiege 0 m, Abstiege 1090 m

Gesamtlänge des Weges 16,3 Km, Aufstiege 1180 m, Abstiege 1180 m

Der Gipfel:

Freitag, 8. September 2017: Zur Similaunhütte

Die Wetterprognose verspricht uns für heute den schönsten Tag unseres Aufenthaltes in Vent. Bei strahlend blauen Himmel verlassen wir unser Quartier und begeben uns erneut zur Bergführerstelle, wo Theo die Steighilfen für seine Schuhe angepasst bekommt. Außerdem leihen wir 3 Paar Gamaschen aus. Die Gurte für alle und zwei Steighilfen für Heinrich und Kerstin sind bereits vor Ort. Entspannt machen wir uns auf den Aufstieg, für den wir ja den ganzen Tag Zeit haben und den Kerstin und Theo ja bereits vom Vorjahr kennen (roter Weg in der Karte). Eine Änderung gegenüber dem Vorjahr ergibt sich durch eine Steinschlagstelle, die uns in eine Umleitung zwingt. Nicht alle nehmen das ernst, unter anderem mehrere Mitglieder eines Filmteams, die sich im gesperrten Wegstück aufhalten. Ohnehin ist die Umleitung nur für Wanderer, während E-Bikes und Versorgungsfahrzeuge den gesperrten Weg nutzen müssen. Die Umleitung macht uns keinen Stress, da wir ja genügend Zeit haben. Unterwegs können wir einen mächtigen, schnee- und eisbedeckten Berg vor uns sehen, den wir als die Similaunspitze identifizieren. Das Herz rutscht uns etwas in die Hose...

Die Similaunspitze (Bildmitte oben), da greift frau sich an den Kopf...

Nur kurz machen wir Rast in der Martin-Busch-Hütte auf 2501 m Meereshöhe. Für Fahrzeuge aller Arten ist hier Schluss. Zunächst ist der weitere Weg leicht begehbar und man kann die Similaunhütte rechts am Niederjoch bereits sehen.

Vor uns das Niederjoch mit der Similaunhütte: It´s a long way to ...

Dann geht es über die Geröllhalden des Gletschers steiler bergauf. Wieder kommt Theo in fast 3000 m an seine körperlichen Grenzen. Ein großes  Firn-Schneefeld vom letzten Jahr ist nicht mehr vorhanden, Eine Laune des Wetters oder doch der Klimawandel? Dazu wissen wir zu wenig, aber es fällt auf, dass sich die hochalpine Landschaft fast in jedem Jahr verändert. Das Wetter hat sich auch ganz konkret verändert: Statt des Sonnenscheins finden wir die Similaunhütte in dichten Wolken vor, es ist kühl und die Sicht beträgt nur knapp 100 m. Die vorhergesagte Wetterverschlechterung ist wohl hier etwas früher eingetroffen. Sehr zeitig nehmen wir unser Abendessen ein und begeben uns in unser 6-Betten-de-Luxe-Appartement. Ein Paar hat bereits zwei Betten belegt. Sie sind wegen der Schafe hier, die morgen vom Oetztal zurück ins Schnalstal getrieben werden und engagieren sich als ehrenamtliche Treiber. Hoffentlich sind wir nicht die Schafe, die morgen auf den Berg getrieben werden? 

Gesamtlänge des Weges 12,3 Km, Aufstiege 1120 m, Abstiege 10 m

Samstag, 9. September 2017: Auf dem Gipfel

Um 5:40 Uhr in der Frühe ist die Nacht zu Ende. Viel Schlaf haben wir in der ungewohnten Umgebung und aufgrund unserer Nervosität nicht gefunden. Auch das sechste Bett des Zimmers wurde am späten Abend noch durch einen Einzelwanderer belegt. Wir packen unsere Habseligkeiten zusammen und sitzen um 6 Uhr beim Frühstück. Um viertel vor sieben treffen wir unseren Bergführer Cyprian (Name aus Datenschutzgründen verändert), der uns die fehlenden Ausrüstungsgegenstände mitgebracht hat. Wir schlupfen in die Hosengurte, Kerstin und Heinrich bekommen ihre Steighilfen angepasst, die wir aber noch nicht anlegen, sondern zunächst im Rucksack deponieren, während die Gamaschen gleich angezogen werden. Alles neu für uns, gut, dass der Bergführer alles ruhig und gelassen erklärt. Kurz nach 7 Uhr verlassen wir die Hütte. Die Sicht ist schlecht, es ist auch noch nicht richtig hell, feuchtkalt aber immerhin regnet oder schneit es nicht. Obwohl wir so früh sind, haben bereits mehrere Gruppen vor uns die Hütte verlassen. Für wenige Minuten geht es über Geröll und Steinblöcke, dann stehen wir am Rande des Gletschers. Mit Cyprians Hilfe legen wir die Steighilfen an, im wesentlichen sind es je zwei haifischzahnähnliche Spitzen vorne und hinten am Schuh, die uns den erforderlichen Halt geben sollen. Zur Eingewöhnung gehen wir (blauer Weg in der Karte) zunächst quer zur Fallrichtung über das Eis, dann auch entgegen der Fallrichtung. Es gibt überhaupt keine Probleme, wir müssen lediglich darauf achten, nicht mit einem Fuß auf den andern zu treten. Das Seil kommt noch nicht zum Einsatz, da es hier noch keine Schwierigkeiten und Getscherspalten gibt. Die Sichtverhältnisse sind miserabel, nur selten kann man über 100 m weit sehen. Dann allerdings sieht man, wie steil der Weg übers Eis bergan geht. "Ich schaue da lieber nicht hin, sonst verliere ich den Mut", denkt sich Theo. Lieber immer einen Schritt vor den anderen, dann müssen wir irgendwann oben sein. Aber keiner ist übermäßig angestrengt, Puls und Atmung bleiben im grünen Bereich. Das macht die Erfahrung des Bergführers, der unsere Leistungsfähigkeit korrekt einschätzt hat und das entsprechende Tempo vorgibt.

Dennoch sind wir froh, als er eine kleine Pause ankündigt. Jetzt muss das Seil angelegt werden. Cyprian erkundigt sich nach der Reihenfolge in der Seilschaft. Wir wollen es belassen wie bisher, so dass Heinrich hinter Cyprian geht, dann folgt Kerstin und Theo macht den Abschluss. Das Seil wird so in die Karabinerhaken der Gurte eingehängt, dass immer 5 m Zwischenraum bleibt. Aus Sicherheitsgründen muss dieser Abstand auch beim Gehen eingehalten werden. Theo erkundigt sich nach der bereits erreichten Höhe. Es sind 3250 m, somit ist noch nicht ganz die Hälfte des erforderlichen Höhenunterschiedes geschafft.

In der Seilschaft zum Schutz gegen die Gletscherspalten:

Jetzt also sind wir am Seil verbunden. Das ist auch notwendig, denn es gibt hier einige Gletscherspalten. Sie sehen nicht so bedrohlich aus, aber wir halten trotzdem gebührenden Abstand. Den sicheren Weg kennt Cyprian, alleine würden wir den Weg nicht finden bzw. ihn bei der schlechten Sicht auch verfehlen. Wir gehen parallel zu den Spalten und queren sie auch, jedoch an Stellen, wo sie gut mit Schnee verfüllt sind. Der Steigungsgradient wechselt zuweilen, wir kommen gut voran. Cyprian erkundigt sich nach unserem Befinden, bietet an, das Tempo zu reduzieren, aber wir geben zur Antwort, dass wir uns prima fühlen.

Am Rande des Gletschers angelangt folgt der finale Anstieg übers Geröll.

Erneut eine kleine Pause. Wir haben den Rand des Gletschers erreicht und kürzen die Abstände am Seil auf etwa 2 m. Der finale Anstieg führt wieder über Geröll, ist aber so steil und ausgesetzt, dass die Seilsicherung notwendig wird. Rechterhand geht es bisweilen sehr steil nach unten Richtung Südtirol, wir wandern sozusagen auf der Staatengrenze Italien-Österreich. Gut dass die mangelnde Sicht die Ausgesetzheit des Weges verschleiert. Jetzt bekommt Theo doch noch Probleme. Sein Gurt ist nach unten gerutscht und hängt fast in den Kniekehlen. Auf diese Weise bringt er nicht nur keine Sicherheit, sondern behindert den Aufstieg. Es ist ihm zwar peinlich, aber es wird eine weitere ungeplante kleine Pause erforderlich, um das zu korrigieren. "Vermutlich hast Du zwei Kilo abgenommen beim Aufstieg!" tröstet Cyprian.

Jetzt sind es wirklich nur noch wenige Schritte, bis das Gipfelkreuz in Sicht kommt. Wir sind alle erleichtert, dass wir wohlbehalten oben angekommen sind. Es ist etwa 9:40 Uhr. Der Wind hat zugenommen und bläst uns die feuchte Luft ins Gesicht, die Temperatur beträgt unter Null Grad, das Kreuz ist reifbesetzt. Cyprian bietet einen kleinen Gipfelschnaps an und wir tauschen die Glückwünsche aus. Fürs Fotographieren müssen wir kurz die Handschuhe ausziehen, dabei merken wir, wie unwirtlich dieser Gipfel heute ist. Es gibt keinen Grund sich allzu lange hier aufzuhalten. Die phänomenale Sicht, die man hier oben haben kann, ist uns nicht vergönnt. Das macht uns nicht traurig nach dem schönen Tag und der tollen Sicht auf dem wilden Mannle vorgestern. Heute zählt einzig die sicher erreichte Höhe mit 3606 m * über Meer, die keiner von uns dreien bisher auch nur annähernd zuvor geschafft hat. Wie gerne hätten wir auch den 3. honeyball Michael jetzt bei uns gehabt!

*) wie immer gibt es auch hier leicht differierende Angaben (3599 m, 3600 m), allerdings könnte der Rückgang der Eisbedeckung (postglazial und/oder menschgemacht) für eine Reduzierung der Auflast und damit dem Anstieg der Geländehöhe verantwortlich sein. Vielleicht bezieht sich die Höhe 3606 m auch auf den Querbalken des Gipfelkreuzes? Oder es liegt an den verschiedenen Höhensystemen in Italien und Österreich?? Für Hinweise aus der Leserschaft sind wir dankbar!

frostige Verhältnisse am Gipfelkreuz:

Der Rückweg (gelber Weg) führt uns auf gleicher Spur bergab. Natürlich sind wir dabei viel schneller unterwegs. Bereits kurz nach 11 Uhr sind wir zurück an der Similaunhütte. Wir bedanken und verabschieden uns bei unserem Bergführer, nehmen ein Essen ein und verlassen die Similaunhütte um 12 Uhr.

An der Similaunhütte: Glücklich und zufrieden, auch wenn noch ein langer und anstrengender Abstieg von 3000 m auf 1900 m Meereshöhe vor uns liegt!

Mit Zwischenstation Martin-Busch-Hütte sind wir gegen 16:30 Uhr an der Bergsteigerstelle in Vent, wo wir unsere Ausrüstung, Gamaschen, Steighilfen und Gurte zurückgeben.

In unserem Quartier müssen wir vielen Gästen erzählen, wie es uns ergangen ist. Natürlich bietet sich die Gelegenheit, diesen Erfolg gebührend auszuschmücken und das eine oder andere Gläschen darauf zu erheben.

Von der Similaunhütte zum Similaungipfel : Länge des Weges 2,6 Km, Aufstiege 550 m, Abstiege 0 m; Vom Similaungipfel nach Vent : Länge des Weges 14,8 Km, Aufstiege 10 m, Abstiege 1670 m

Gesamtlänge des Weges 17,4 Km, Aufstiege 560 m, Abstiege 1670 m

Sonntag, 11. September 2017: Auf den Gipfeln herrscht Ruh...

Der Blick aus dem Fenster am Morgen offenbart uns das Glück, das wir gestern hatten. Es schneit bis in die tiefen Lagen. Gut, dass wir unser Vorhaben gestern durchgezogen haben, heute wäre es eher ungemütlich oder gar unmöglich gewesen. Wir besuchen die Kirche, zünden ein paar Kerzen an und schauen uns im Kapellchen die interessante Ausstellung über den Weg der Schafe an. Heute verlassen auch die Kühe ihre Sommerweiden und kehren in die Ställe zurück. Das ist für die Bauern und den Ort ein wichtiger Feiertag.

Noch streuben sich die Kühe, den Stall nach den schönen Monaten auf der Alm zu betreten. Aber auch sie wollen sich nicht ewig im Schnee den Hintern abfrieren...

Nachmittags gehen Heinrich und Theo nochmals den Weg zum Stableinrestaurant und merken erst da, welche Kräfte die letzten Tage gekostet haben. Alleine am Samstag waren es ja fast 600 m Aufstieg und 1700 m Abstieg.

Gesamtlänge des Weges 8,9 Km, Aufstiege 450 m, Abstiege 450 m

Sonntagsspaziergang???

Am Montag, 12. September 2017 treten wir die Heimreise an.

Alles in Allem sind wir während der 5 Tage 78,5 Km gewandert und sind dabei 4200 Höhenmeter aufgestiegen und genauso viele abgestiegen.

nützlicher link: www.austrianmap.at/

 

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Published by threehoneyballs
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Kommentare

Gisela aus der Schweiz 09/20/2017 10:16

WOW kann ich nur sagen. Und ich dachte ich könnte euch mit meinen kleinen Wanderungen beeindrucken. Weit gefehlt! Das ist ja der Hammer was ihr immer wieder leistet, nicht nur Radfahren, nein jetzt gehen sie noch wandern. In dieser Höhe war ich noch nie. Ist die Luft da nicht sehr dünn? Gehe nächste Woche nach La Punt zum wandern. Weiss aber nicht ob ich mich getraue euch meine Fotodoku zu senden :-). Und wieder eine super Dokumentation, man lebt richtig mit.
Schaue hie und da in euren Blog. Hebet's guet. PS. Theo Hauptsach du häsch dini Chappe debi gha.
Herzlichst Gisela

threehoneyballs 09/20/2017 18:32

Liebe Gisela, vielen Dank für Deine Komplimente! Unbedingt wollen wir Deine Fotodokus sehen, sie gefallen uns sehr gut. Einige von uns haben bereits daran gedacht, sie (besonders jene in der Nähe von Fluelen am 4-Waldst.-See) nachzuwandern. Ich denke allerdings nicht, dass wir noch zu Bergziegen werden, denn diese Besteigung war ein besonderer Wunsch von Kerstin.
Wenn Du mit "Chappe" meine bunte Pudelmütze meinst, solltest Du den Artikel vom Januar lesen "An ihren Mützen ..." Viel Erfolg bei Deiner Wanderung nächste Woche, gutes Wetter und gesunde Rückkehr. Wir sind gespannt!
Liebe und herzliche Grüße Theo